Sonntag, Dezember 09, 2018

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Ich spürte die unendliche Leere des Kosmos, als ich in der Ewigkeit meines Träumens versank: "Willst du beten, so bete zu dir selbst, denn der einzige, der dir dabei zuhört, bist du selbst", hörte ich plötzlich eine Stimme.
"Wer bist du?" rief ich in die Leere. Langsam durchbrach ich die Nebel meiner Träume.
"Ich bin der Widersacher, Ungott genannt!" ertönte abermals die Stimme. Zuerst dachte ich, sie käme aus dem Äther. Doch jetzt spürte ich, sie kam aus mir.
"Wo bin ich hier?" Der Himmel türmte sich vor mir auf. Ich fühlte sein erdrückendes Gewicht.
"Du bist bei Gott!" Plötzlich spürte ich, wie sich eine gewaltige schwarze Wolke vor mir zusammenballte. Zwei Augen schauten mich durchdringend an: "Die Gabe dieser Hölle ist, überall zu sein, wo es dich hinzieht, solange du weißt, was dich an diese Ziele bindet. Die Möglichkeit, auf den Flügeln deiner inneren Bilder zu den Zielen deiner Vorstellungen zu fliegen."
"Das glaub ich nicht", spürte ich gleichzeitig eine andere Frequenz in mir. Etwas in mir legte sich quer. Es war wie eine zweite Stimme. Ich konnte sie deutlich hören. Sie sagte mir, daß ich nicht glauben solle, was ich höre, denn dieser Dämon dringe nicht bis zu den Quellen der Erkenntnis, sondern bleibe in den Untiefen seines eigenen Unvermögens hängen, und indem er die Welt ansähe, sähe er doch immer nur sich selbst im Spiegel seines eigenen Erkennens. Sein erklärtes Ziel wäre die Hölle, denn er sei der Teufel, der die Seelen in den Spiegelbildern ihres eigenen Erkennens festhalte.
"Falsch", fauchte es da zischend aus der Wolke, "ich vertrete die tiefstmögliche Wahrheit, die sich bewußtseinsmäßig nachvollziehen läßt, denn ich bin das motivierte Streben des sich entwickelnden Bewußtseins, mit der das Selbst hinter dem Bild des Gottes das Geheimnis des Menschen sucht. Wenn für uns etwas seelisch nicht zugänglich ist, dann müssen wir nicht einfach ein läppisches Bild erzwingen, sondern einen tieferen Zugang zu unserer Sehnsucht finden."
"Er weiß es nicht besser", beharrte die erste Stimme, "er ist in seiner Selbsterkenntnis gefangen und sein Ziel reicht nicht über den auf sich selbst fixierten Geist hinaus, der sich in allem, was er sieht, nur immer selbst betrachtet."
"Euer Streit", versuchte ich da zwischen den beiden zu vermitteln, "scheint mir viel zu kompliziert anhand meiner bescheidenen Frage. Gibt es einen Gott?"
"Mitnichten. Das Seelische ist nicht nur Kanal, sondern auch Inhalt", donnerte der Ungott. "Alles was wir uns jenseits dieses seelischen Bereichs vorstellen, ist eine Projektion, und die Projektion ist ohne jede Macht, denn sie kann uns weder für unsere Missetaten bestrafen noch für unsere Siege belohnen. Dennoch ist dieses Konstrukt unseres Bewußtseins unser einziges Instrument, um die Welt wahrzunehmen, zu begreifen und mit unserem Handeln zu beglücken."
"Ins Feuer mit dir, ketzerischer Dämon", erwiderte die gegnerische Stimme, "der du jede Frage nach Gott mit der Macht deines Geistes zerstörst. Du hast die Seelen der ganzen Welt entleert, indem du ihnen die falschen Ziele vorgegaukelt hast. Doch aus deiner Auflehnung gegen Gott brach statt der Wahrheit aus dem Mund des Erlösers nur Lustgier und Machtdämonie aus dem Maul der Schlange hervor."
"Warum widerspricht Gott dann nicht mit der Macht seiner Worte und läßt sich von den Sündern mißbrauchen", wandte ich ein.
"Gott läßt sich nur mißbrauchen", erklärte mir die Stimme, "um die Verworfenheit des Menschen in erschreckender Klarheit ins Licht zu bringen. Er läßt den inneren Konflikt zwischen Seele und Geist zu, damit sich der Konflikt offenbart und der Mensch als letzten Rettungsanker die Hand Gottes ergreifen kann, die er ihnen in seiner unendlichen Liebe in den Haß einer an sich selber verrottenden Welt hinunterstreckt, um sie aus tiefster Dunkelheit ins Licht hinaufzuführen."
"Dieses dämliche Gerede entlarvt die Suche nach Gott als einen albernen Circulus vitiosus", widersprach der Ungott, "zuerst suchen wir dort, wo wir Gott vermuten, und dabei vermuten wir Gott dort, wo wir gelernt haben, ihn zu suchen. Und weil wir ihn immer dort finden, wo wir suchen, suchen wir ihn immer dort, wo wir ihn vermuten, und damit finden wir immer das, was wir vermuten, nämlich Gott nach dem Bild unserer inneren Vorstellung. Damit halten wir Gott aber gleichzeitig von uns fern, denn der Sinn der Suche liegt weniger darin, ihn zu erkennen, sondern vielmehr in der Beantwortung der Frage, warum wir ihn überhaupt suchen müssen."
"Ketzer ...", schrie die inquisitorische Stimme.
"Dann sag mir, Armseliger, der du alle deine Feinde im Feuer vernichten willst", höhnte der Widersacher, "wozu dient dir Gott?"
"Er gibt mir Sinn, denn er ist das Boot, das mich über den Abgrund trägt", erwiderte meine religiöse innere Person. "Allerdings werde ich nicht mit dir über ihn reden. Du betrachtest alles vom Denken her. Ich aber fühle es aus Gott heraus!"
"Die Frage, ob es einen Gott gibt", vernahm ich plötzlich eine dritte Stimme, "wird erst dann wirklich zur sinnvollen Frage, wenn du die unbewußte Strategie deines Geistes erkennst: nämlich die Wahrheit so tief in unserer inneren Natur zu verankern, bis du es aufgibst, die Frage nach Gott zu stellen, weil du die Wahrheit der Frage nach der Wahrheit in der Antwort auf die Frage 'Wer bin ich?' erfährst."
"Wer bist du?"
"Ich bin das Bild deines Glaubens, die menschliche Form, nach deinem Ebenbild geschaffen und in deinem Bewußtsein entstanden, kurz: dein eigenes höheres Bild von dir selbst!" Die schwarze Wolke war verschwunden, und an ihrer Stelle erschien mir der Erlöser, der sich als Manifest des erlösenden Gottes plötzlich majestätisch am Kreuz erhob.
"Und wieso erscheinst du mir?"
"Ich erscheine jedem, der Gott sucht!"
Bei seinen Worten empfand ich ein inneres Unbehagen: "Ich suche nicht Gott, ich suche die Wahrheit!" erwiderte ich gereizt.
"Erst wenn du die Verlogenheit und Fruchtlosigkeit deiner Wahrheitssuche durchschaust, die dir unter dem Deckmäntelchen von Wahrheit nur Macht vermittelt, kannst du die Suche nach Wahrheit als die Suche nach einer Macht erkennen, die das Wissen der anderen kontrolliert", antwortete er unbewegt.
"Wer behauptet das?" entgegnete ich kampfbereit. Am Himmel leuchtete das Schwert.
"Schau mich an", beruhigte mich der Erlöser am Kreuz, "habe ich mir von den Menschen nicht die ganze Last und die Schuld der Welt aufbürden lassen, nur um ihnen zu ermglichen, das Bild eines Gottes zu haben? Und jetzt redest du von einer Wahrheit, die du suchst. Siehe, ich bin die Wahrheit, die du finden möchtest, weil ich der Gott bin, den du suchst. Nicht etwa, weil ich mehr Gott wäre als du, sondern weil du mich selbst dazu aufgefordert hast."
Da fiel ich vor Dankbarkeit vor ihm auf die Knie.
"Steh auf!" fuhr er mich da unwirsch an. "Du hast kein Recht, vor mir zu knien!"
"Und warum habe ich kein Recht, vor dir zu knien!" stotterte ich verwirrt.
"Weil du nicht weißt, wovor du kniest", erwiderte er amüsiert.
"Ich knie vor Gott!" redete ich drauflos, nur um etwas erwidern zu können.
"Du kniest vor dem Bild deines Glaubens", in seinen Augen blitzte der Schalk. "Der wahre Gott, wenn es einen gäbe, wäre auch nicht der Inhalt eines Bildes, sondern die Voraussetzung dessen, was ein Bild in den Köpfen überhaupt zu einem magischen Vorstellungsinhalt werden läßt. Ich bin nur eine Marionette in deinem Hirn, das Bild des absoluten Menschen, das du aus dir ausgelagert hast, um es dann außerhalb von dir anbeten zu können, und deshalb bist du ebenfalls eine Marionette von mir. Eine Marionette von deinem eigenen Bild. Dies ist die unbequeme Wahrheit, die unter dem verschleiernden Nebel des Glaubens liegt, denn in jeder Suche findest du nichts anderes als die Sehnsucht nach dir selbst."
"Mein Glaube ist mir alles!" wandte ich verzweifelt ein.
"Dein Glaube beruht auf Hörensagen und ist keine direkte Erfahrung. Er ist eine Überzeugung aus zweiter Hand", lächelte er malizi&ös vom Kreuz.
"Das ist keine christliche Aufklärung, sondern eine dämonische Hirnwäsche, die du da mit mir treibst", entgegnete ich verwirrt. "Als ich eben sagte, ich suche die Wahrheit, hast du behauptet, du wärest die Wahrheit, und wenn ich jetzt glaube, du wärest die Wahrheit, dann behauptest du, du wärst Illusion!"
"Das ist doch dasselbe", sagte er sanft und ungerührt. "Aus der Sichtweise des Glaubens bin ich die absolute Wahrheit, und aus der Sichtweise kristallisierenden Denkens die reine Illusion."
"Dann wäre auch diese Geschichte Illusion?" Ich spürte, wie mich die Flammen des Infernos langsam umzingelten.
"In dieser Hölle erlebst du die Geschichte deines verkrampften, erstarrten und triebverdrängenden Ichs, das dir, anstatt im Selbst aufzugehen, aus Angst vor seiner Unwissenheit und Leere im Schatten des Kreuzes erscheint. Was wie ein Widerspruch anmutet, ist nur ein raffiniertes Arrangement der Psyche, sich hinter der Maske des unerkannten Erkennens vor der Wahrheit zu verstecken, um deine Suche nach sich selbst auf ewig fortzusetzen mit der Frage: 'Wer bin ich?' Die Antwort wäre: 'Dich!'"
"Was soll ich tun?" seufzte ich.
"Töte mich!" Ein funkelndes Glitzern glomm aus seinem Auge, zuerst ganz zart, dann immer stärker, und plötzlich drückte sich im Gesicht des Erlösers die himmlische Hochzeit zwischen Gott und Teufel aus: "Der Erlöser ist nur das Bild der Sehnsucht, um dich auf der Reise ins Unbekannte zu verwirren, und du mußt dieses gefährliche Bild schnell überwinden, damit du nicht in der Hölle deiner Gottessehnsucht verbrennst." Schon hatte er sich in eine armdicke, hellgrün schillernde Schlange verwandelt und blickte mich mit lidlosen Augen an: "Erl&öse mich, indem du dein falsches inneres Bild von mir zerstörst!"
"Welches innere Bild?" Ich stand neben dem Kreuz und berührte seinen Schwanz. Er ließ es geschehen, aber sein Blick blieb kalt.
"Mich! Ich bin der verzauberte Gott in den inneren Bildern der Menschen und muß so lange am Kreuz büßen, bis jemand meinen Schlangenleib zerstört."
"Ich habe kein Schwert!" Furcht und Entsetzen vor seinem schrecklichen Ansinnen blockierten mir für Sekunden den Blick.
"Du brauchst kein Schwert, denn ich existiere nicht in Raum und Zeit, ich bin eine unendliche Zelle, die in endlosen Dimensionen und verschiedenen Rollen gleichzeitig existiert und die aus der einen auf alle anderen Realitäten übergreift. Nimm einfach das Schwert der Intuition und stoß mir die Klinge deines inneren Erkennens ins virtuelle Herz! Dann bin ich erlöst!"
"Welches Erkennen?" Beklemmende Bilder nagten an meinen Gedanken.
Da erhob die Schlange langsam ihr Haupt, und ihre Augen senkten sich tief in meine Seele: "Daß das Böse nicht der Widerspruch zum Guten ist, das durch das Gute vermieden werden kann, sondern die eine Seite des Guten selbst, die wir vom Guten abgetrennt haben, damit die andere Seite als Gutes weiter existieren darf!"
Plötzlich erschütterte ein tiefer Donnerschlag die Luft, der Schleier in meinem Denken zerriß und im Licht meines inneren Erkennens war mir plötzlich klar, daß Gott die andere Seite vom Teufel war. Gott und Ungott waren identisch. Ich breitete entzückt die Arme aus. Ein neues Besinnen war zu meinem Empfinden gekommen und trieb mich weit über die Katakomben menschlicher Vorstellung hinaus. Dann sah ich in der Weite des Unbekannten plötzlich die Flamme der Intuition auflodern mit dem in der Mitte leuchtenden Schwert. Einen Augenblick schwebte es vor mir regungslos in der Luft. Aber bevor es im weißen Strahlenmeer verglühte, packte ich es entschlossen mit beiden Händen und stieß es der Schlange ins Herz.

"Dantes Inferno " Der Astroführer durch die Unterwelt“, S. 297-299
© Akron, 2000 Akron Verlags AG, CH-9320 Arbon