Sonntag, Dezember 09, 2018

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Arbeitskreis für Bewußtsein

Die Relativität des Seins

 
Die meisten Menschen befinden sich in der Situation der Ratsuchenden, die den Ratgeber nicht benutzen, um an ihr Problem heranzukommen, sondern ganz im Gegenteil um von ihrem Problem abzulenken. Wir bezahlen den Therapeuten oder andere seelische Begleiter für die Dienstleistung, unser Problem symbolisch in einem Bild zu bearbeiten, das wir von uns weghalten können, damit wir es zwar verstandesmäßig bearbeiten können, ohne dass es uns aber wirklich seelisch schmerzt. In diesen Bildern können Probleme gefahrlos erkannt werden, ohne dass es wirklich schmerzt. Deshalb ist jede Therapie im Grunde nur ein Verhinderungsmechanismus, vom Schatten erfolgreich abzulenken und ihn dort zu bearbeiten, wo er die Therapie nicht stört (der getroffene Schatten würde sich sofort auf den Therapeuten stürzen). Das entspricht der Sichtweise des Esoterikers, der nach dem Licht strebt, um von seinem unerkannten Schatten abzulenken, ohne sich bewusst zu sein, dass sich in diesem Licht sein Schatten reflektiert, den er aus der Position seiner eigenen "Erlöstheit" jetzt durch seine Umwelt lebt. Also würden alle diejenigen unter den Sinnfindern und Wegverkündern, die ihre eigene Erlösung aus der eigenen Verdrängung des Teufels und dessen Bearbeitung im Schatten der anderen beziehen, lieber selbst den Teufel beschwören, als zu erlauben, dass der Mensch außerhalb ihrer Dogmen Sinnerfüllung erfährt. Unter diesen Vorzeichen muss man alle Äußerungen und Beiträge der Anbieter zur Erlösung des Menschen betrachten, denn es kann sicher nicht im Interesse der Modelle liegen, die Seele wirklich zu erlösen. Schließlich würde ein erlöster Mensch kaum Sinnfindungs-Modelle finanzieren, die ihn an sich binden. 
 

Jeder religiöse oder wissenschaftliche Glaube gibt ihren Mitgliedern Sicherheit und Wissen nicht umsonst, sondern verlangt im Gegenzug deren Seelen, denn sie bindet sie an ein verbindliches Konzept der Wahrheit, das in der Dualität von Gut und Böse den letzten Ratschluss göttlicher Weisheit formuliert. Deshalb ist jede absolute Überzeugung, ob Wissenschaft, Religion oder spirituelles Modell, letztlich eine Täuschung, die nicht nur jene, die daran glauben, in die Irre führt, sondern auch die, welche die Lehre predigen. Da jeder Gläubige, der sich mit seinem Glauben identifiziert, seinen Glauben nur aus der Sichtweise erkennen kann, wie dieser das Vakuum seiner inneren Leere ausfüllt, kann er die Wurzel seines menschlichen Glaubens natürlich niemals dort erkennen, wo sie sitzt, nämlich in der Leere und der Trostlosigkeit der rationalen Angst vor dem Tod, sondern er wird sie immer in der himmlischen Botschaft reflektieren, die ihm einen Weg aus seinem irdischen Jammerteil zeigt. Aus der Position seiner Blindheit wird er deshalb in der Leere stets die Hölle, im himmlischen Sinnbringer (Guru, Lehrer) den Messias und in dessen Botschaft (Erklärungsmodell) die Heilslehre erkennen. Zwar ist es das Ziel jedes Einweihungsweges, danach zu suchen, was wir sind, aber weil wir dabei nicht ahnen, dass das wirkliche Ziel nicht darin besteht, zu finden, was wir sind, sondern nur die Voraussetzungen dafür zu erfahren, warum wir nicht erfahren können, was wir sind, führt uns jede Selbsterkenntnis in Wahrheit vom Weg des Suchens weg. Denn alles, was wir finden, sind immer nur die Prägungen, die innerhalb de Strukturen unseres Vorstellungsvermögens liegen. Also letztlich innerhalb des Bewusstseinsinventars, das unsere Vorstellung der Welt konstelliert. Schon die alten Priester erlangten mit Hilfe ihrer inneren Überzeugung Macht über Gott oder Macht über das Bild ihrer Vorstellung, die sie die höchste Einsicht nannten - die aber mehr das Bild ihrer kompensierten inneren Trostlosigkeit als die Wahrheit über Gott war. Weder sie selbst noch die Gläubigen erkannten den Mechanismus dieser Wahrheitsfindung, denn der Maßstab des Erkennens, mit dem das Bewusstsein die durch sich selbst erkannte Wahrheit maß, war ja die Ausrichtung oder die Sinnsuche des Menschen selbst.

Demzufolge richten wir uns an Menschen, die zuerst herausfinden wollen, warum sie überhaupt die Wahrheit suchen, bevor sie die Wahrheit selbst zu finden versuchen. Denn die Beschäftigung mit den inneren Codierungen und Mustern verschafft uns zunächst einmal die Möglichkeit, die Welt im Spiegel unserer inneren Erwartungen zu betrachten und sie dabei als ein getreues Abbild unserer Ideen und unserer Überzeugungen zu erkennen, die unsere äußere Sichtweise prägen. Doch wenn wir uns dem System des Suchens nicht blindlings ausliefern wollen, müssen wir uns auch fragen, warum wir suchen. Wir müssen uns fragen, welche innere Sehnsucht uns zwingt, aus einem in Wahrheit unendlichen Chaos von stellaren Einflüssen ein paar Ähnlichkeiten auszuwählen und durch ihre Strukturierung und Vernetzung Cluster von Weltvorstellungen herbeizuzaubern. Die Antwort ist klar: Um durch unsere Seele Antworten zu bekommen, die wir uns aus unserer rationalen Beschränkung nicht zutrauen. Das muss nicht falsch sein: Psychologie darf ein Wegweiser, ein Treppengeländer sein, um in die Tiefe unserer Psyche hinabzusteigen und uns anhand der Bilder dort einen Überblick zu verschaffen, unter welchen Umständen und zu welchen Zielen wir gewissen dunklen Teilen unserer Psyche im Laufe unserer Entwicklung zu begegnen haben. Doch sie darf niemals zum spirituellen Überbau werden, unter dessen schützendem Dach wir unser Leben verhindern (und die Verhinderung bebildern), weil wir, statt des schmerzenden Lebens dann unsere dramatischen Erklärungen leben, also die Bilder, die wir uns vorstellen, dass unser Leben so aussähe.